Das Kino hat dem Publikum oft die Möglichkeit geboten, in andere Leben und Welten einzutauchen. Ausgehend von James Baldwins Schriften über den Film argumentiert ein neuer Essay, dass diese Fähigkeit, über Unterschiede hinweg ein Gefühl der Verbundenheit zu schaffen, in den Hintergrund zu geraten droht, wenn Besetzungen vor allem als Maßstab für Repräsentation betrachtet werden.

Baldwin schrieb darüber, wie er als Schwarzer Amerikaner ein überwiegend weißes Hollywood sah. Besonders hob er Henry Fondas Darstellung eines armen Landarbeiters in John Fords Film „Früchte des Zorns“ von 1940 hervor. In der Sorge der Figur um die Unterdrückten erkannte Baldwin eine gemeinsame menschliche und politische Bedeutung. Außerdem erinnerte Baldwin sich an einen Schwarzen Freund, der von Fondas Gangart so beeindruckt war, dass er scherzhaft meinte, der Schauspieler müsse Schwarz sein. Die Anekdote zeige, so der Essay, wie ein Publikum eine Verbundenheit erkennen kann, die Identitätsgrenzen überschreitet.

Der Autor vertritt die Ansicht, dass das zeitgenössische Kino diese Möglichkeit verspielen kann, wenn vielfältige Besetzungen zum Ersatz für künstlerischen Anspruch werden. Filme, so das Argument des Essays, sollten nicht dazu verpflichtet sein, bestimmte Gruppen zu repräsentieren, um Themen aufzugreifen, die Menschen miteinander teilen. Der Essay lehnt Besetzungsverbote ab und führt Beispiele von Darstellern an, die Rollen jenseits erwarteter Identitätsgrenzen übernehmen. Dazu zählt auch die Möglichkeit eines Schwarzen James Bond, der nicht ständig über die Kolonialgeschichte sprechen muss.

Der Essay verweist auf Charlie Chaplins wechselnde gesellschaftliche Rollen sowie auf Filme wie „In der Hitze der Nacht“, „Taxi Driver“ und „Reservoir Dogs“, die die Erwartungen des Publikums ins Wanken bringen. Außerdem nennt er Goran Rebićs „Jugofilm“, in dem Darsteller bewusst entgegen ihrer nationalen oder kulturellen Identität besetzt wurden, sowie frühe Arbeiten von Fatih Akin, dessen Figuren sich den Erwartungen daran widersetzen, wofür sie stehen sollten.

Anstatt von Filmen zu verlangen, das zu bestätigen, was das Publikum bereits über Vielfalt glaubt, fordert der Essay ein Kino, das Identität als weniger festgelegt behandelt und den Zuschauern ermöglicht, ihnen unbekannten Leben zu begegnen. Sein zentrales Beispiel bleibt Fondas Figur: eine Gestalt, durch die die Anliegen von Menschen unterschiedlicher Herkunft eine gemeinsame Grundlage finden können.

Quellen: FAZ.