Gulistan sucht ihren Ehemann Çiya, der spurlos verschwunden ist. Sie sucht ihn bei Freunden, an seinem Arbeitsplatz und bei der Polizei, begegnet dort jedoch Gleichgültigkeit und Verachtung. Je mehr Fragen sie stellt, desto mehr gerät sie ins Visier des staatlichen Terrors. Karosh Tahas Roman „Gulistan“ zeichnet nach, wie unter solchen Umständen schon das Aussprechen eines Namens gefährlich werden kann.
Die Form des Romans spiegelt die Unsicherheit und Desorientierung wider, die seine Figuren erleben. Taha durchbricht den Text mit Stottern, ausgelassener Zeichensetzung und verschlungenen Zeilen, wodurch unklar wird, wer spricht und wo die Ereignisse stattfinden. Die kurdische Sprache und Herkunft der Figuren sind Teil des Grundes für ihre Verfolgung: Sprache wird so zugleich zum Kennzeichen der Identität und zur Gefahrenquelle.
Ein zweiter Erzählstrang beginnt mit der Stimme des Arztes Saddam Husseins, der 2003 nach Deutschland floh und Schwierigkeiten hat, sich auf Englisch auszudrücken. Seine bruchstückhaften Sätze führen das Motiv der doppelten Identitäten ein, das sich durch das Buch zieht. Die Grenzen zwischen den Sprechenden und den Erzählungen verschwimmen, und selbst Worten und Bildern lässt sich nur schwer trauen. Später erscheint Çiya in einer Menge, gekleidet in Saddam Husseins Uniform.
Taha schildert Folter auch als Angriff auf den Körper und das Selbstverständnis eines Menschen. Der Roman legt nahe, dass Folter nicht einfach töten, sondern ihre Opfer dazu treiben soll, sich selbst zu zerstören. Die fragmentierte Erzählung mit ihren vielen Stimmen lässt vieles offen, während Gulistan trotz Drohungen, Täuschung und ihrer eigenen Wortlosigkeit weiter spricht. Taha wurde 1987 im irakischen Teil Kurdistans geboren und floh als Kind während der Diktatur Saddam Husseins mit ihrer Familie nach Deutschland.
Quellen: FAZ.
